Was passiert, wenn Ihr Bewerbungsschreiben so anfängt: «Diese Bewerbung ist scheisse. Es ist vielleicht besser, wenn Sie gleich die nächste Bewerbung zur Hand nehmen.» 

Als Text- und Soziolinguistin betreibe ich gerne ein bisschen Rezeptionsforschung. Das heisst, ich frage mich: Wie kommt ein Text (in diesem Fall ein Bewerbungsschreiben) beim Zielpublikum an? Und was passiert, wenn man gewisse Regeln missachtet und aus der Reihe tanzt?

Auffallen um jeden Preis. Dies war nicht das einzige, jedoch ein wichtiges Ziel meines Bewerbungsschreibens.
Auffallen um jeden Preis. Dies war nicht das einzige, jedoch ein wichtiges Ziel meines Bewerbungsschreibens.

Das habe ich mit einem Experiment ‘getestet’ – wobei festzuhalten ist, dass das entsprechende Bewerbungsschreiben durchaus ernst gemeint war. Das Setting ist somit gleichzeitig nahezu experimentell (sehr zahlreiche Institutionen haben ein weitgehend identisches Bewerbungsschreiben inkl. Beilagen erhalten) und maximal realitätsnah, zumal es sich um ernsthafte Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen gehandelt hat.

Kontextualisierung

Weshalb komme ich überhaupt auf die Idee, ein solches Bewerbungsschreiben zu verfassen? Da ist zum einen der Umstand, dass ich über einigermassen gute redaktionelle Skills verfüge und mich entsprechend auch regelmässig auf Stellen beworben habe, wo diese Skills gefragt waren. Deshalb hatte ich angefangen, darüber nachzudenken, wie ich diese Fähigkeiten im Rahmen von einem Bewerbungsschreiben vorführen kann: Dies schien mir interessanter, als der trockene Hinweis darauf, dass ich halbwegs lesenswert schreiben kann resp. darauf, dass man sich doch die angehängten Leseproben anschauen möge. Und da ist zum anderen dieser Hochschulanlass zum Thema Bewerbungsschreiben, an dem eine Personalerin verrät, dass in der ersten Auswahlrunde oft nur Sekunden für ein Dossier zur Verfügung stehen. Genau, und drittens habe ich in Absagemails sehr oft den Hinweis erhalten, dass sehr viele Dossier eingegangen seien – meistens über 50, oft um die 100, manchmal auch 200.

Weshalb soll man sich da auch zwei Stunden Zeit nehmen, um ein konventionelles, maximal auf die Ausschreibung ausgerichtetes Bewerbungsschreiben zu verfassen? Wenn es ja doch nur darum geht, aufzufallen?

Et voilà, dies war die Geburtsstunde meines extravaganten Bewerbungsschreibens.

Zahlreiche Vorstellungsgespräche

Mindestens zwei Dinge an meinem Bewerbungsschreiben waren (und sind) grossartig: Das Dossier ist rasend schnell zusammengestellt. Zweitens: Das Schreiben findet Beachtung, plötzlich werde ich fast im Wochentakt zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Obwohl das Schreiben in keiner Weise Bezug nimmt auf die ausgeschriebenen Stellen, sind viele so begeistert davon, dass sie mich prompt zum Gespräch einladen.

Mein Bewerbungsschreiben beschert mir Vorstellungsgespräche am laufenden Band.
Mein Bewerbungsschreiben beschert mir Vorstellungsgespräche am laufenden Band.

Viele positive Rückmeldungen

Andere haben mich nicht eingeladen. Auffallend oft haben sich die Angeschriebenen aber persönlich gemeldet und auf das Schreiben Bezug genommen. Nicht immer, aber meistens waren die Rückmeldungen sehr positiv. Hier ein paar Auszüge aus entsprechenden Mails:

«Ich komme nicht umhin, Ihnen zu Ihrer sehr gelungenen und packenden Bewerbung zu gratulieren. Ich bin sicher, dass Ihre Stellensuche von Erfolg gekrönt sein wird, und wünsche Ihnen alles Gute.» [eine NGO mit Sitz in Liebefeld bei Bern]

«Nach Prüfung der zahlreichen Unterlagen müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Ihre Bewerbung trotz guter Qualifikation und erfrischendem Bewerbungsschreiben nicht in die engste Auswahl einbeziehen konnten.» [öffentliche Verwaltung im Raum Bern]

«Ihre Bewerbung ist herausgestochen und wir sind sicher, dass Sie auch zu uns gepasst hätten.» [Kommunikationsbüro im Raum Bern]

«Ihre Bewerbung sticht wirklich ins Auge, weil gut und sehr ungewöhnlich formuliert, allerdings ist sie – wenn ich das rückmelden darf – etwas unspezifisch (ohne Bezug zu unserer Stelle).» [NGO in Bern]

«Ihre Bewerbung ist nicht scheisse! Ihr Bewerbungsschreiben hat uns zum Schmunzeln gebracht und unsere Recruiterherzen hüpfen, wenn wir mutige und unkonventionelle Bewerbungen wie Ihre erhalten.» [Recruiterbüro im Raum Zürich]

Auch negative Rückmeldungen

Einige Wenige hatten allerdings gar nichts übrig für mein Vorgehen. So hiess etwa bei einer Hochschule im Raum Bern trocken: «Da Ihre Wortwahl im ersten Satz nicht zu unserer Kultur passt, werde ich die Bewerbung nicht berücksichtigen.» Oder eine Stiftung im Raum Zürich liess verlauten: «Ihr Bewerbungsschreiben ist mir leider viel zu allgemein gehalten und auch eindeutig zu schreierisch.»

Fazit

Das Bewerbungsschreiben hat mir zwar viele Vorstellungsgespräche beschert, das Angebot für meinen Traumjob hingegen ist ausgeblieben. Das Problem bei meinem ungewöhnlichen Bewerbungsschreiben war wohl insbesondere, dass ich mich für überdurchschnittlich gefragte Stellen vorstellen durfte, und dann schlechte Chancen hatte gegenüber den zahlreichen weiteren Eingeladenen, die meist deutlich mehr Erfahrung vorweisen konnten als ich.

Besonders wirkungsvoll war übrigens die Kombination des ungewöhnlichen Bewerbungsschreibens mit einem konventionellen Bewerbungsschreiben: Das ungewöhnliche als Aufhänger und Blickfang, das zweite zur Einordung bei den Personaler*innen.

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